Chinesinnen in Deutschland: Song Qingling, Hu Lanqi und Cheng Qiying

Zwischen den beiden Weltkriegen hielten sich zahlreiche Chinesinnen aus verschiedenen Gründen in Deutschland und in den Nachbarländern auf. Einige studierten, einige arbeiteten, einige unternahmen Vergnügungsreisen, manche flohen vor den chinesischen Bürgerkriegswirren.

Song Qingling und Sun Yat-sen 1911, Foto: www.cspecial.de

Zur letzten Gruppe gehörte Song Qingling (1893-1981), die Witwe des KMT-Gründers Sun Yatsen (1866-1925). Als im Sommer 1927 die Einheitsfront von Kuomintang (KMT) und KP Chinas auseinanderbrach, wurden viele Kommunisten getötet, manchen KMT- und KP-Mitgliedern gelang die Flucht ins Ausland. Song Qingling besaß schon vorher viel Auslandserfahrung und sprach fließend Englisch; sie war mit ihren Schwestern Song Ailing (1888-1973) und Song Meiling (1897-2003) in den Vereinigten Staaten zur Schule gegangen.
Daher war sie auch bei ihrer Ankunft in Moskau (1927) und Berlin (1928) in einer besseren Lage als viele andere chinesische Flüchtlinge. In Deutschland lernte sie viele Intellektuelle und Politiker kennen, darunter den KPD-Funktionär und Publizisten Willi Münzenberg. Während ihres Deutschlandaufenthalts besuchte sie Ende 1928 auch Heidelberg.

He Xiangning, Photo: www.newsgd.com

Zu den prominenten Flüchtlingen gehörte auch He Xiangning (1878-1972), die Witwe des 1925 ermordeten KMT-Politikers Liao Zhongkai. Sie lebte Ende der zwanziger Jahre mit ihrem Sohn Liao Chengzhi (1908-1983) und ihrer Tochter Liao Mengxing (1904-1988) in Deutschland. Mutter und Tochter wohnten in Berlin, der Sohn war meist in Hamburg, wo er mit chinesischen Seeleuten Kontakt hatte.

Hu Lanqi, Photo: www.chinalzs.com

1929 traf auch die aus Chengdu in der Provinz Sichuan stammende Hu Lanqi (1901-1994) in Europa ein, ab 1930 lebte sie in Berlin. Ihr Vater war schon an der Revolution von 1911 beteiligt gewesen, sie selbst ging in den frühen zwanziger Jahren zu den Kommunisten und lernte damals den späteren chinesischen Außenminister Chen Yi kennen. In Berlin war sie unter anderem mit der Schriftstellerin und Sinologin Anna Seghers befreundet. Hu wurde 1933 von den Nazis verhaftet und dann ausgewiesen.

In Deutschland lernte Hu Lanqi auch Cheng Qiying kennen, die den ebenfalls aus Sichuan stammenden Xie Weijin (1900-1978) geheiratet hatte. 1925 wurde der Sohn Han Sen in Berlin geboren, doch kurz darauf verließ Cheng Qiying die beiden Männer und kehrte nach China zurück. In den dreißiger Jahren flohen Mann und Sohn vor den Nazis in die Schweiz, später nahm Xie Weijin am Spanischen Bürgerkrieg teil. Cheng Qiying kehrte zwar noch einmal nach Deutschland zurück, vermied aber den Kontakt mit ihrer Familie; sie starb in China in der Kulturrevolution. Der Sohn Han Sen fühlte sich als “Berliner” in China nicht wohl und bemühte sich um die Rückkehr nach Europa, was aber sehr schwierig war; er lebte lange in der Ukraine und konnte erst nach zahlreichen Visa-Anträgen in seine Geburtsstadt zurückkehren.

Bis 1934 hatten alle erwähnten Chinesinnen Deutschland verlassen. Hu Lanqi hatte in Paris noch mit Anna Seghers Kontakt und traf sie später noch einmal in China. Song Qingling lernte in den folgenden Jahrzehnten in China mehrere deutsche Frauen kennen, darunter Anna Wang, Eva Siao und Ruth Werner.

Literatur:

Hu Lanqi: Hu Lanqi huiyilu, Chengdu, 1985.

Lü Mingzhuo: Song Qingling zhuan, Shanghai, 1988.

Liu Jiaquan: Song Qingling liuwang haiwai suiyue, Beijing, 1994.

Han Sen: Ein Chinese mit dem Kontrabass, München, 2001.

Thomas Kampen: “Anna Seghers und Hu Lanqi – Die geheimnisvolle Freundschaft zweier junger
Kommunistinnen”, Das neue China, März 2001, 31-33.

Thomas Kampen: “Solidarität und Propaganda: Willi Münzenberg, die Internationale
Arbeiterhilfe und China”, Zeitschrift für Weltgeschichte, Jahrgang 5 Heft 2 (Herbst
2004), 99-105.

Thomas Kampen: Von Sichuan nach Deutschland und Spanien: Xie Weijin (1900-1978), SHAN
Newsletter,
Juli 2008, (http://www.sino.uni-heidelberg.de/alumni/newsletter/08-06/xie.html )

Dr. Thomas Kampen

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