Susian Stähle lebt seit 1970 in Deutschland und unterrichtet seit 1987 am Sinologischen Seminar beziehungsweise dem 2006 umbenannten Institut für Sinologie. Die meisten kennen sie aus dem Propädeutikum oder ihren Sprachkursen über Texte aus der VR China, Wirtschaftskommunikation und vieles mehr. Im Interview erzählt Frau Stähle, wie sie nach Deutschland gekommen ist und welche Erfahrungen sie im damals noch fremden Land gemacht hat.
SHAN: Frau Stähle, Sie haben zuerst Deutsch in Taiwan studiert.
Susian Stähle: Ich habe vier Jahre Germanistik in Taiwan studiert, aber wir haben wenig deutsche Literatur gelesen. Ich kannte nur klassische Werke, zum Beispiel von Goethe und Schiller. Erst als ich in Deutschland Germanistik studierte, kam ich mit moderner Literatur in Berührung.
Wieso haben Sie sich die deutsche Sprache ausgesucht?
Das ist eine lange Geschichte. Ich kannte Heidelberg schon zu meiner Schulzeit durch den Film „Xuesheng Wangzi – The Student Prince“, eine Verfilmung der amerikanischen Operette von Sigmund Romberg. Was mein Interesse an Deutschland geweckt hat, war die Architektur in den deutschen Filmen.
Im Jahr 1965 fing ich an Germanistik zu studieren. Im zweiten Studienjahr gab es einen „yanjiang bisai“, einen Vortragswettbewerb. Den Wettbewerb habe ich glücklicherweise mit dem ersten Preis gewonnen und bekam als Preis einen dicken Bildband über Deutschland. Darin waren schöne Aufnahmen von Häusern, Dörfern und Städten. Da sagte ich schon: „Dort will ich unbedingt hin“.
Nach dem Studium habe ich ein Jahr als Assistentin bei Professor Xiao gearbeitet. Der Professor fragte mich: „Wollen Sie denn nicht mal nach Deutschland zum Studium?“ Und ich sagte: „Natürlich! Aber ich kann das nicht selbst finanzieren.“ Vor 30 Jahren war das ja noch sehr teuer. Er riet mir ins Deguo Wenhua Zhongxin – das Deutsche Kulturzentrum zu gehen und mich bei dem Direktor nach einem Stipendium zu erkundigen. Ich ging hin, sprach mit dem Direktor, machte eine Prüfung und bestand. Dann konnte ich mit einem DAAD-Stipendium 1970 zum Studium nach Deutschland kommen. So ging ich nach München und studierte ein Semester Germanistik und Sinologie. Einmal kam ein Referent vom DAAD und erkundigte sich, wie das Studium in München verlief. Ich sagte, dass es eine große Universität sei. Außerdem habe ich keinen Kontakt zu den anderen ausländischen Studenten. Er schlug mir vor, nach Heidelberg zu gehen, weil es kleiner und gemütlicher sei, und dort könnte ich mit anderen ausländischen Studenten studieren.
Dann war ich für fünf Semester in Heidelberg im IDF (Seminar für Deutsch als Fremdsprachenphilologie). Dort machte ich eine Sprachdiplomprüfung und wechselte zum Germanistischen Seminar. Insgesamt habe ich fünf Jahre in Heidelberg studiert.
Wie war das damals mit der Internationalität in Heidelberg?
Vor 30 Jahren gab es nicht so viele ausländische Studenten. Aber innerhalb des IDF waren die meisten Studenten Ausländer. Im Germanistischen Seminar waren wenige ausländische Studenten.
Heutzutage gibt es sehr viele internationale Studenten, und die Angehörigen einer Nationalität haben vermehrt Kontakt untereinander. Dadurch haben sie oft Schwierigkeiten, sich der hiesigen Kultur anzunähern. Ich nehme an, Sie hatten diese Probleme damals nicht. Sie waren ja gezwungen, ihren Freundeskreis auf Deutsche auszurichten, oder?
Ich glaube, heute ist es einfacher, Kontakte zu knüpfen, denn das Interesse, Kontakte zu knüpfen, ist größer und manchmal notwendig, gerade für die Leute, die Fremdsprachen studieren. Damals waren die deutschen Studenten meist unter sich, Tandempartner waren auch unbekannt. In München saß ich einmal in einem Seminarraum, umgeben von 20 deutschen Studenten, keiner hat mit den anderen gesprochen. Ich war diejenige, die aktiv sein musste, ich habe die Leute angesprochen.
Auch nach 20 Jahren habe ich von den Erasmus -Austauschstudenten, die ähnliche Erfahrung hatten, die Frage gestellt bekommen: „Frau Stähle, wie können sie das denn hier so lange aushalten?“
Haben Sie eine besondere Erinnerung aus Ihren Heidelberger Studienzeiten?
Eine nette Geschichte ist, wie ich meine Schwiegereltern in Heidelberg kennenlernte.
Ich war erkältet und ging zu einem Hausarzt, der ganz in der Nähe der IDF seine Praxis hatte. Nach der Behandlung hat er mich ausgefragt. Er sammelte Asiatika, Skulpturen und anderes, und fragte mich zu Datierungen seiner Sammelstücken. Dadurch, dass mein Onkel auch Sammler war und mir immer erzählt hatte, wie man eine Antiquität einschätzt und die Echtheit prüft, konnte ich die Stücke aus der Sammlung tatsächlich ungefähr datieren.
Dabei habe ich meine Schwiegereltern kennengelernt. Sie waren mit dem Arzt befreundet.
War Ihr Mann der ausschlaggebende Grund, dass Sie dann in Deutschland bleiben wollten?
Ja, schon, ich wollte ursprünglich zurück nach Taiwan. Die Universität in Taipei hatte mir eine Stelle als Assistenzprofessorin angeboten. Durch die Beziehung zu meinem späteren Mann bin ich in Deutschland geblieben.
Sie haben zwei Kinder. Ich vermute, dass sich ihre Kinder mehr der deutschen Kultur zugehörig fühlen. Aber haben sie sich auch für Taiwan interessiert?
Selbstverständlich interessierten sie sich für Taiwan, zumal weil wir Verwandten dort haben und hin und wieder dorthin reisen. Nach dem Abitur haben sie dort Sprachkurse besucht. Mein Sohn hat während des Studiums einige Monate bei der Deutschen Wirtschaftsvertretung in Taipei ein Praktikum absolviert.
Wieso unterrichteten Sie zuerst in Darmstadt?
Mein Mann hat in Darmstadt studiert. Nach dem Studienabschluss war er an der TH Darmstadt als Assistent tätig. Wir haben geheiratet. Er bat mich nach Darmstadt zu ziehen. Ich schrieb mich an der TH Darmstadt ein. Dort habe ich angefangen, Chinesisch an der TH Darmstadt und später auch an der VHS zu unterrichten.
Die Sinologie in Heidelberg war noch winzig und machte eher einen privaten Eindruck, richtig?
Ja, das Institut war zu meiner Studentenzeit noch am Ende der Hauptstraße, kurz vor dem Karlstor. Professor Debon war Institutsleiter. Es gab wenige Studenten, es war alles sehr persönlich.
Müssen die Studenten heute mehr leisten als die Studenten damals?
Klar, aber die damaligen Studenten wussten, was sie wollten und machen mussten. Heutzutage ist das nach der Studienreform mehr mit Zwang verbunden, es ist alles anders. Man wird gefüttert.
Demnach hat sich wohl auch der Unterrichtsstil an die Zeit angepasst. Gibt es in Ihrer langen Geschichte als Dozentin einen Kurs, von dem Sie sagen, dass er Ihnen besonderen Spaß gemacht hat?
Es gibt viele Kurse, die mir Spaß gemacht haben. Früher hatte ich viele Fortbildungskurse für den Sprachunterricht besucht und neue Methoden ausprobiert, zum Beispiel die Superlearning Methode habe ich oft im Ting Shuo Du Xie Unterricht angewandt.
Aber wenn man die ganze Periode betrachtet fällt mir auf:
Bevor das Propädeutikum eingeführt wurde, waren die Gruppen klein, jede Gruppe hatte ca. 15 Studenten, jede Gruppe bekam eine feste Lehrkraft für zwei Jahre, und es gab einen intensiven Austausch zwischen Lehrern und Studenten.
Die Gruppendynamik war damals anders. Einige Studenten halten auch heute noch E-Mail Kontakt zu mir.
Ich glaube, dass alle Lehrer sagen würden, dass die erste Klasse, die man unterrichtet, einem am tiefsten in Erinnerung bleibt.
Sie sind Dozentin und arbeiten auch mit Übersetzungen. Vor ein paar Jahren haben sie ein Lehrbuch mit VR-Texten zusammengestellt. Was für Projekte stehen bevor?
Ich schreibe an einem Wörterbuch, mit Beispielsätzen in Pinyin-Angabe. 300 Seiten sind fertig, katalogisiert nach Fachgebieten.
Welchen Tipp geben Sie Studienanfängern, sich die Zeichen leichter einzuprägen?
Chinesische Schriftzeichen zu erkennen, zu lesen und wiederzugeben erfordert Geduld und Zeit. 90 Prozent der Zeichen kann man sich nur mit wiederholtem Schreiben einprägen.
Es gibt also immer noch keinen Trick, schneller zu lernen?
Ich kenne keinen.
Herzlichen Dank Frau Stähle! Es war mir ein Vergnügen!
Susian Stähles Lebenslauf findet sich auch auf der Seite unseres Insitutes: http://sun.sino.uni-heidelberg.de/staff/staehle/
Das Interview für SHAN führte Kristina Bodrozic-Brnic.






